Volkstrauertag am Sonntag, 15. November 2020

„Gedenken macht Leben menschlich
– Vergessen macht es unmenschlich!“
(Eberhard Bethge)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am kommenden Sonntag, den 15. November trauern und erinnern wir uns der Millionen von Opfern der beiden Weltkriege sowie der Toten aller gewaltsamen Auseinandersetzungen auf der Welt. Wegen der verschärften Pandemiesituation mit dem Corona-Virus wird die offizielle Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in diesem Jahr nicht am Ehrenmal auf unserem städtischen Friedhof stattfinden können. Wie an vielen Orten in Baden-Württemberg haben sich auch die Städte und Gemeinden im Landkreis Tuttlingen mit Bedauern dazu entschlossen, in der momentanen Lage auf diese Art von öffentlichen Veranstaltungen zu verzichten, um möglichst persönliche Kontakte untereinander zu vermeiden. Die Entscheidung fällt allen Verantwortlichen nicht leicht, scheint jedoch wegen der momentanen Krise geboten.


An den Gedenkstätten werden daher die Kränze als sichtbares Zeichen der Trauer und der Mahnung in aller Stille, ohne Beteiligung der Bürgerschaft bzw. musikalischer Umrahmung niedergelegt. So auch in unserer Stadt, wo neben Lydia Degenhardt als Vertreterin der VdK-Ortsgruppe, unser Wahlkreisabgeordneter Guido Wolf in seiner Funktion als ehrenamtlicher Landesvorsitzender der Kriegsgräberfürsorge Baden-Württemberg zusammen mit dem Bür-germeister diese Erinnerungszeremonie vornehmen.
Auch wenn 2020 die offiziellen Gedenkfeiern ausfallen müssen, sollte dieser Sonntag dennoch in seiner Wichtigkeit von uns allen nicht vergessen werden. Deshalb bitten wir die Bevölkerung sich im Stillen und in einem Moment der Ruhe der vielen Toten und Opfern von Krieg, Terror wie Verfolgung zu erinnern, zumal wir in diesem Jahr auch auf das Kriegsende 1945 zurückblicken können.
So endeten vor 75 Jahren die Schreckensherrschaft der Nazi-Diktatur und der zweite Welt-krieg mit seinem erschütternden wie unfassbaren Elend. Nach sechs Jahren Krieg lag nicht nur ganz Europa und weite Teile der Welt in Trümmern, sondern auch über 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben, viele Millionen blieben für ihr Leben körperlich versehrt, mussten dauerhaft ihre Heimat verlassen oder wurden in der Folge auf Flucht und Vertreibung neuerlich Opfer von Gewalt und Misshandlung.
In unserem Land dürfen wir seither auf eine Friedensperiode zurückblicken, wie sie unseren Vorfahren noch nie vergönnt war. Nahezu acht Jahrzehnte gehören gewaltsame Auseinandersetzungen und die damit verbundenen schrecklichen Erfahrungen in Deutschland der Vergangenheit an. Ein großes Privileg und eine Gnade, was wir uns des Öftern einmal be-wusst und was uns dankbar machen sollte. Ein Privileg und eine Gnade, die zugleich immer noch für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt in unerreichbarer Ferne liegt. So müssen wir auch heutzutage mit Bedrückung feststellen, dass die Menschheit leider nicht friedfertiger und die Welt gerechter geworden ist. Unverändert ist die Bereitschaft politische, religiöse oder soziale Auseinandersetzungen mit Gewalt zu lösen nicht vorbei. Nach wie vor sind militärische Konflikte, sind Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen, Volksgruppen oder Staaten in vielen Regionen dieser Welt gelebter Alltag. Die Menschheit hat aus den leidvollen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts nicht wirklich ihre Lehren und Konsequenzen gezogen. Tagtäglich wird die Ehrfurcht vor dem Leben und der Würde des Menschen ignoriert und missachtet. Eine gleichfalls ernüchternde Bilanz.
Und gerade deshalb hat der alljährliche Volkstrauertag in seiner Aktualität und Sinnhaftigkeit nicht an Bedeutung verloren. Seine Botschaft ist deutlich und klar. Über das Gedenken an die Verstorbenen hinaus mahnt sie jeden Einzelnen von uns gegen Hass und Intoleranz, gegen Rassismus, Extremismus und Fanatismus, gegen jede Form von Gewalt zu sein und mit aller Kraft daran mitzuwirken, das Leben in Frieden und Freiheit zu schützen sowie Demokratie und Menschenrechte zu bewahren.
Aber nicht zuletzt sollte uns auch diese Zeit der Pandemie, in der wir gezwungen sind mit Einschränkungen und Isolation umzugehen, dazu mahnen in Solidarität, Gemeinsinn und gegenseitiger Verständigung zusammenzustehen.

Ihr

Stefan Waizenegger
Bürgermeister